Ich werd' zum Hirsch - Einführungsrede von Dr. Friedrich Häring, ARTHUS Galerie Zell

 

 

 

 

 

 

Dr. Chris Gerbing - Einführung zur Vernissage was...das

was...das   -   Vernissage am 11.10.13, 20 Uhr, GEDOK-Forum Karlsruhe

(Text gekürzt)

Meine sehr geehrte Damen und Herren, liebe Künstlerinnen,
auch ich darf Sie sehr herzlich zur Ausstellungseröffnung begrüßen und freue mich, dass Sie alle den Weg hierher gefunden haben.
Die Erfindung des Papiers ist fast so alt wie unsere Zeitrechnung und hat seit Gutenbergs Erfindung der beweglichen Bleilettern seinen unaufhaltsamen Siegeszug als Teil medialer Vermittlung genommen. Aber erst in dem Moment, in dem das Papier als Material von seiner Funktion als Informationsträger befreit wurde, weil ein neuer Träger für dieselbe Funktion erfunden worden war, fand es Verwendung in Kunstwerken, emanzipierte es sich vom Bildträger zum eigenständigen Medium: Ich rede von der Erfindung des ersten elektronischen Rechners 1946, der den Weg freimachte für eine Erweiterung des Anwendungsspektrums für das Papier.
Erst im 20. Jahrhundert wurde also das flexible und leichte Material für die Kunst entdeckt. Papier war nicht mehr nur Träger des Bildes (wie in der Druckgrafik), sondern entwickelte sich zum eigenständigen Medium. Zwar unternahmen bereits in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts Picasso und Braque erste Experimente, aber erst in der Nachkriegszeit schlossen breitere experimentelle Tendenzen daran an und nutzten dabei das industriell vorgefertigte Papier, aber auch handgefertigte Kreationen als Medium. Papier in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen bietet – das können wir allein schon in dieser Ausstellung sehen – zahllose Möglichkeiten als Material zum räumlichen Gestalten, als plastischer Werkstoff und natürlich auch als Träger von Zeichnungen und Collagen.
Die GEDOK-Ausstellung folgt mit dem leicht kryptischen Titel „Was … Das“ letztlich dem Trend, der seit einigen Jahren zu beobachten ist: Nicht nur Künstler, auch Produkt- und Modedesigner, Architekten, Materialwissenschaftler und Hersteller schätzen das Material mittlerweile in seiner Vielfältigkeit. Diese angedeutete Vielfalt und Bandbreite, die Papier bietet, wollten wir – Simone Dietz, Doris Lasar und ich (die wir die Jury gebildet haben, die die Auswahl unter den eingereichten Arbeiten getroffen hat) – in dieser Ausstellung, in der Auswahl künstlerischer Positionen abbilden, wobei uns die Innovation, das Ausloten der Grenzen und auch das Alter der eingereichten Arbeiten wichtige Kriterien waren.
Meine Damen und Herren, in einem der Bücher, die ich zur Vorbereitung dieser Ausstellungsrede konsultiert habe, konnte ich lesen, dass Kunst immer noch zuerst auf Papier entsteht – sicher, die Spannweite reicht natürlich von der Ideenskizze bis zu Computerzeichnungen und Fotokopierexperimenten. Aber meiner Meinung nach entsteht die Kunst trotzdem immer erst im Kopf, um dann umgesetzt werden zu können. Und das Ergebnis sehen Sie in diesem Fall hier in den Arbeiten von Silvia Asshoff-Graeter, Ingrid Bürger, Beatemarie Busch, Brunhilde Gierend, Sigrid Haag, Sigrid Jordan, Gloria Keller, Brigitte Nowatzke-Kraft, Ingrid Ott und Anne-Bärbel Ottenschläger. Es sind Arbeiten, die auf Papier sind, mit Papier arbeiten, in die Dreidimensionale gehen, den Raum ausloten und bestimmen – kurzum: eine große Bandbreite aufweisen....

...Die wohl am weitesten in den Raum ausgreifenden Arbeiten stammen von Gloria Keller, die hier ihre erste Heimat Spanien und die dort besonders virulenten Probleme thematisiert. Dass die „Boat People“ (so auch der Titel ihrer Arbeiten) ein ganz aktuelles Thema sind, belegt auch die Tragödie vor Lampedusa, die vergangene Woche durch die Medien ging. Auf viel zu voll beladenen Schiffen, nicht ausreichend ausgerüstet, wagen immer wieder Menschen die gefährliche Reise übers Mittelmeer ins „gelobte Land“ Europa, das – von Afrika aus betrachtet, das Paradies zu sein scheint. Es sind kindlich-naive Träumereien, die oft genug schneller und drastischer ihr Ende finden, als es sich die Menschen in ihrer auf Europa projizierten Hoffnung auszumalen wagen. Für diese kindliche Naivität steht das aus marokkanischen Zeitungen gefaltete Papierschiffchen, das für das Fragile und leicht Zerstörbare der Hoffnungen steht, die oft genug noch vor dem Passieren der Grenze – auf dem Meer – zerstört werden. Das Schiffchen montiert Gloria Keller in Obstkisten und bearbeitet sie zusätzlich mit Wachs und Erde, wobei letztere für die Heimaterde, aber auch für die Heimatlosigkeit der „Boat People“ steht. Die Obstkiste: Symbol für den grenzenlosen, globalen Warenverkehr, den wir benötigen, um unseren Lebensstandard aufrecht zu erhalten, Banane, Orange, Kaffee und Kakao, aber auch Gold, Kobalt und Platin werden aus Afrika importiert, und während sie willkommen sind, sind es die „Boat People“ definitiv nicht! – Dass das Papierschiffchen in seiner kindlichen Naivität derzeit Konjunktur hat, ich glaube, das kann man getrost sagen. Ob im ZKM unlängst erst Ghenadie Popescu auf die Umweltproblematik Moldawiens im überdimensionierten Papierschiffchen aufmerksam machte, oder im Viernheimer Kunstverein ein mir bis dato unbekannter Künstler Bötchen zu einer Kette aneinander reihte, um auf die trostlosen Zustände seiner südamerikanischen Heimat aufmerksam zu machen: Gloria Keller ist im selben Atemzug zu nennen mit ihnen, denn auch sie zeigt, künstlerisch gewandet, die Not und die Wünsche der hier dennoch unerwünschten Menschen, die der Mißstände in ihrem jeweiligen Heimatland entkommen wollen. Während Santiago Serra 2003 auf der Biennale von Venedig den spanischen Pavillon nur für Personen mit spanischem Pass zugänglich machte, um auf die harte Realität der europäischen Politik gegenüber Immigranten hinzuweisen, liegen die Hinweise auf die sich immer weiter zuspitzende Misere bei Gloria Keller im wahrsten Sinne des Wortes offen.
Meine Damen und Herren, die Auflösung definierter Terrains der bildnerischen Gestaltung ist ein Merkmal des 20. Jahrhunderts, seit der Werkbund und das Bauhaus die Vertreter von Kunst und Design, von Handwerk und Architektur zusammenbrachten. Vor der Folie der Explorationen, Formvarianzen und der immer wieder vorgenommenen Erweiterungen des Kunstbegriffs wird die Kunst seit den 1960er Jahren von zahlreichen Künstlern mit Lust in die dritte Dimension überführt. Raum, Objekt, Form und determinierte Bedeutung treten, wie Sie gerade bei Gloria Kellers Arbeiten sehen konnten, in Beziehung. Der Mensch als Reibungsfläche, als Projektionsfläche für unsere Ängste, Sehnsüchte und Wünsche, in der die gesellschaftspolitischen und sozialgeschichtlichen
Diskurse mit einbeschrieben sind. Aber auch: der Mensch als Figur, erneut im Raum, ihn auslotend in seinen Dimensionen, seinen Begrenzungen – all das sind Möglichkeiten, die das aktuelle Kunstschaffen im Allgemeinen auszeichnen, die Künstler (jenseits der Vielzahl an Techniken und daraus resultierenden Ausdrucksmöglichkeiten) haben, um sich dem Gegenüber mitzuteilen. Das gilt selbstverständlich auch und gerade für jene Künstlerinnen, die wir ausgewählt haben für die Ausstellung „Was … das“.
Was ist das? Was mag das sein? Die zehn Künstlerinnen haben ganz unterschiedliche Antworten auf diese kryptische Fragestellung (so es überhaupt eine ist!) gefunden. Sie zeigen deutlich, dass man auf und mit Papier unglaublich vielfältig umgehen kann, es als Werkstoff, Träger, Ausgangsmaterial verwenden und davon ausgehend zu ganz eigenen Ergebnissen – auch mit politisch-gesellschaftlicher Aussage – kommen kann.
Meine Damen und Herren, Oscar Wilde meinte einmal, Ziel der Kunst sei es, einfach eine Stimmung zu erzeugen. Als ob dies so einfach sei! Dennoch: ich hoffe, die zehn Künstlerinnen schaffen es, bei Ihnen, meine Damen und Herren eine Stimmung (hoffentlich eine positive!) zu erzeugen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen beim Betrachten, beim Eintauchen, beim Reflektieren, beim Antworten suchen – und natürlich auch beim Dialog mit den heute anwesenden Künstlerinnen – neue, spannende Einsichten.
Vielen Dank!

Dr. Chris Gerbing

 

 

 

 

Heimaterde, mi tierra - Vernissage: 29. März 2012, Hohenwart Forum, Einführung von Krisztina Jütten M.A. Kunsthistorikerin

Irgendwann mitten im Leben beginnt man sich nach der Heimat zu fragen. Ist Heimat dort, wo wir geboren und aufgewachsen sind? Ist es der Platz unserer Kindheit? Oder ist Heimat nicht noch etwas ganz anderes, ist es nicht viel mehr, als eine reine Ortsfrage? Heimat ist geprägt von Traditionen, Erinnerungen, von kulturellen und sozialen Gegebenheiten, aber auch von Angst, Verlust und Vertreibung. Heimat ist ein ganz persönlicher Ort, an dem eine enge Beziehung zwischen Mensch und Raum entsteht. Wichtig ist dabei auch die Verbundenheit zu einer bestimmten Sozialstruktur. Heimat ist ein Ort der Vertrautheit, der Zugehörigkeit und der Identität. Oftmals bilden sich die Heimatgefühle erst heraus, wenn man sich fernab der Heimat befindet; nur im Nachhinein bemerkt man, was man vorher nie wahrgenommen hat. Es ist auch möglich, dass manch einer mehrere Heimaten hat. Die in Barcelona geborene und in Deutschland lebende Künstlerin Gloria Keller blickt aus der Distanz zurück auf ihre eigenen Wurzeln und nähert sich auf unterschiedlichen Wegen, mal ironisch-distanziert, mal ernsthaft-kritisch, aber stets reflektierend ihrer spanischen und deutschen Identität. Gloria Keller ist 1955 in Barcelona geboren und aufgewachsen. Sie kam mit zehn Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland, ging aber nach ihrem Abitur wieder in die spanische Heimatstadt zurück. Nach einem  Studium in Barcelona mit Schwerpunkt „Zeichnung“ studierte sie 1974-1977 an der Universität Barcelona Architektur. Ihr künstlerischer und privater Lebensweg führt sie wieder nach Pforzheim, wo sie an der Fachhochschule für Gestaltung Grafik-Design studiert. Seit lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Freudenstadt.

 

Hier in Hohenwart zeigt sie rund 60 Werke aus den Jahren 2010 bis 2013. Als erstes, wenn wir in die Ausstellung kommen, entdecken wir an der Außenwand der Kapelle vier schmale, hochformatige und farbintensive Bilder, die in den letzten zwei Monaten entstanden sind. Durch einen vielschichtigen und gewollt unregelmäßigen Farbauftrag wirken ihre Arbeiten wie Wandbilder oder verputzte Fassaden, bei denen man das Gefühl hat, die Schichten könnten jeden Augenblick abbröckeln; Bilder mit einer sehr starken haptischen Wirkung. Die deckende Farbe, eine Mischung aus Acryl, Gips und Putz wird Schicht für Schicht so dick aufgetragen, dass reliefartige Effekte entstehen. Hier merkt man wie gerne und experimentierfreudig die Künstlerin die Tragfähigkeit der Leinwand bis an die Grenzen er­pro­bt. Wenn wir als Betrachter diese Leinwandbilder schnell mit Graffitiarbeiten vergleichen, liegen wir gar nicht so falsch. Im vergangenen Jahr wurde die Künstlerin in ihrer Geburtstadt auf die bunt bemalten Fassaden besonders aufmerksam. Es handelt sich um die sogenannte Street-Art (Straßenkunst im öffentlichen Raum,) viele kennen es als Graffiti. In Barcelona trifft man auf mehr oder weniger verkommene Altstadthäuser mit bröckelnden und über und über mit Graffiti-verzierten Fassaden. Auch Holztüren werden mit verschiedenartigster Kunst verschönert. Die spanische Metropole hat eine äußerst lebendige Streetart-Szene mit professionellen und internationalen Künstlern. Über den Orts-Bezug zu Barcelona hinaus, ist für die Künstlerin auch noch ein autobiografisches Motiv wichtig. Auf den Bildern erkennen wir mit Schablonen und schwarzer Sprühfarbe gestaltete Figuren, deren Vorlagen Fotografien aus ihrer Kindheit waren. Ergänzt werden diese Bildelemente von Textfragmenten auf katalanisch, die auch den Bildtitel bilden, wie: cielo de caramelo (Himmel aus Karamel), vull parar-me en el cami (ich will anhalten auf meinen Wegen) oder em perdo i soc (ich verliere mich und ich bin). Die Frage der Künstlerin nach ihrer Heimat bedeutet hier zu allererst Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Heimat ist hier ein ganzes Bündel solcher Erinnerungen: an Orte, an Menschen und an erlebte Situationen. Alte Heimatserinnerungen werden wachgerufen, zugelassen und ins Heute transferiert. Heimat wird hier zu einem inneren Raum der Besinnung und der Geborgenheit. Durch eine künstlerisch-gestalterische Auseinandersetzung mit Material, Farbe und Form rückt die gedankliche-emotionale Beschäftigung mit dem Thema in eine neue Dimension. Die spanische Heimat und die mit ihr verbundenen Erinnerungen bekommen einen neu zugeordneten Platz im jetzigen Leben. Gloria Keller visualisiert nicht nur autobiografische Themen aus ihrer Geburtstadt. Über die eigene künstlerische Identitätssuche hinaus thematisiert sie in tiefgründigen Arbeiten aber auch die politisch-moralischen Probleme in ihrem Herkunftsland. Im Focus dabei steht die visuelle Formulierung einer kritischen Auseinandersetzung des Umgangs mit den Heimatsuchenden afrikanischen „boat-people“ in Südspanien. Diese Menschen versuchen – zumeist in klapprigen überfüllten Booten – über die schmalen Meerengen zwischen der afrikanischen Küste und Spanien nach Europa zu kommen. Die gefährliche Reise überleben nur die wenigsten, ihre Träume im Paradies Europa eine neue Heimat zu finden, erfüllen sich selten. Jene Flüchtlinge, denen es tatsächlich gelingt, spanischen Boden zu betreten, erwartet eine Zukunft, die scheinbar alle vorangegangen Strapazen und Risiken wert gewesen ist. Sie leben in ständiger Angst, abgeschoben zu werden und müssen in der Regel für Hungerlöhne als illegale Arbeitskräfte arbeiten.

Ein Themenkomplex in der Kapelle, bestehend aus ganz unterschiedlichen Arbeiten, beschäftigt sich mit der verlorenen Heimat. Auf der rechten Seite an der Wand sehen wir eine zweiteilige Arbeit mit dem Bildtitel „schöne, bunte Welt“. Als Bildträger fungieren zwei Holzpaletten, auf derem türkisblau leuchtenden Farbuntergrund gut erkennbare Motive zu sehen sind: ein rotes Boot voller Menschen, ihre Anonimität ist bewahrt, im rechten Bildteil diagonal durchs Bild geführte schwarze Elemente, Teile einer Stacheldraht, hinter denen die aus Afrika kommende Flüchtlinge landen, wenn sie die Fahrt überhaupt überleben. Eine Stacheldraht, die aber auch die Hoffnungsfarben rot, gelb, grün trägt. Im Hintergrund des Bildes ist ein Gedicht von Henry Günther geschrieben: „Wo Tränen Grenzen ziehen, berühren sich Wasser und Himmel, Fußspuren am Ufer, Zeichen zerfließender Zeit, Wellen überspulen den Morgen am Meer.“ In weiteren Wandobjekten setzt die Künstlerin das Thema fort. In Holzkisten sind orange-rot und grün farbige kleine Boote aus marokkanischen Zeitungsseiten gefaltet und hineingeklebt, sie scheinen raum- und bodenlos zu sein. In beiden Werken benutzt Gloria Keller Materialien, die auch zur inhaltlichen Aussage des Werkes wesentlich beitragen. Dort waren das die Holzpaletten, hier sind es Mandarinenkisten. Mit diesen Transportmitteln kommen aus Afrika Lebensmittel nach Europa, die wir gerne annehmen, während wir aber den Zuzug der Menschen abwehren. Die Diskrepanz zwischen Weite und Nähe, zwischen wirtschaftlichen Interessen und unserem menschlichen Handeln ist das zentrale Thema ihrer Arbeiten.

(Zur Installation in der Mitte der Kapelle: auf feinem hellen Sand sind unterschiedlich geformte Treibholzfundstücke gelegt, die die Künstlerin aus Südspanien nach Hause brachte und die sie mit Fahrradschläuchen verbunden hat. Solche Fahrradschläuche verwendet man in afrikanischen Ländern häufig zur Reparatur an den Häusern. So verlassen, hingeworfen und ausgeliefert assoziiert man mit diesen ausgebleichten Holzobjekten verwitterte Knochen, die stellvertretend für die jährlich über 1000 angeschwemmten Leichen an Spaniens Küsten stehen. Mit ihren emotional aufgeladenen Arbeiten macht sie aufmerksam auf die Probleme der unfreiwillig Heimatlosen, für die die Heimat eine ganz andere existenzielle Erfahrung ist.)


Inhaltlich rundet die Ausstellung die Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrer deutschen Heimat ab. Im Mittelpunkt dieser Werkgruppe steht das Motiv des Hirsches. Hintersinnig und humorvoll inszeniert sie in malerischen und zeichnerischen Arbeiten unsere eigenen menschlichen Projektionen, die den röhrenden Hirsch zum Symboltier und zum Inbegriff des Kitsches in der Kunst machten. Aus vielen Wohnzimmern des letzten Jahrhunderts kennen wir Hirschbilder, bei denen das Tier traditionsgemäß als Jagdtrophäe erscheint. Der röhrende Hirsch verkörpert hierbei die vitale Majestät und Männlichkeit und erlangte eine Popularität, die nicht nur mit dem Wunsch nach ländlich-alpiner Folklore, sondern auch mit dem nach sozialen Prestige verbunden war. So wird mit dem Hirschbild über dem Wohnzimmersofa nicht nur Schwarzwald-Gemütlichkeit assoziiert, sondern auch ein Statussymbol ersten Ranges präsentiert, die in Zusammenhang mit fürstlicher Wild- und Jagdlust steht. Im Gegensatz dazu zeigen die Werke von Gloria Keller wie zeitrelevant auch heute noch die Auseinandersetzung mit diesem Tier sein kann, wie lebendig das Verhältnis des Menschen zum Hirsch geblieben ist, ohne der Kunstgeschichte weitere verherrlichende Hirschbilder hinzuzufügen. Dabei spielt sie mit dem sentimentalen Klischee vom „röhrenden Hirsch“ als Inbegriff pseudoromantischer Schwarzwaldidylle in einer bunten, ironischen Bildsprache. Warum hängt der röhrende Hirsch meist in biederen Wohnzimmern über dem Sofa und nicht im Schlafzimmer? fragte sich die Künstlerin. Das uns vertraute und lieb gewordene Tiermotiv wird aus seiner althergebrachten Symbolik gelöst und in einen neuen Kontext voller Witz und Reiz gebracht. Ihre Heimat zwischen Schwarzwald und Spanien erweist sich auch künstlerisch als weites Spannungsfeld aus Identitätssuche, persönlichen Fragestellungen, Traditionen und Erinnerungen - als etwas, das nicht auf einen Nenner gebracht werden will. So kann ihre Ausstellung als eine künstlerisch-fragende Annäherung an die Frage Wo ist Heimat? verstanden werden. Als eine beeindruckende und anregende Auseinandersetzung über Wurzeln, über verlorene und neu gewonnene Heimat(en), über Existenzielles, über Verantwortung und über Handeln; über Heimatgeschichten zwischen erlebter Wirklichkeit und individueller Sehnsucht.

 

 

 

Einführung zur Vernissage der Ausstellung: Asche, Kreide, Kohle, Ruß am 17.06.11 in der Alpirsbacher Galerie, Dr. Sascha Falk, Kvhs-Direktor

Sehr geehrte Ausstellungsgäste, meine Damen und Herren,


sofern Sie bereits einen Rundgang durch die Ausstellung gemacht haben, wird es dem einen oder der anderen wahrscheinlich so ergangen sein wie mir gestern, als ich in der Alpirsbacher Galerie die gerade gehängten Arbeiten von Silvia Braun, Anne-Bärbel Ottenschläger, Gloria Keller und Ingrid Ott betrachten durfte. Bei Betreten der Galerie hatte ich unmittelbar den Eindruck, dass die Kunstwerke mit den Ausstellungsräumlichkeiten außergewöhnlich gut zusammen funktionieren, ja harmonieren.So ein, meiner Meinung nach, stimmiges ästhetisches Gesamtbild ist nicht selbstverständlich und angesichts des Ausstellungstitels „Asche, Kreide, Kohle, Ruß“ zunächst vielleicht auch gar nicht zu erwarten. Der Ausstellungstitel verweist auf die Materialien, mit denen sich die vier Künstlerinnen gemeinsam, in einem regelmäßigen künstlerisch-kreativen Austausch über Monate intensiv und konsequent auseinandersetzten mit dem Ziel, ausschließlich diese Materialien als gestalterische Bildmittel zu verwenden. Abgesehen von Kreide handelt es sich bei Asche, Kohle und Ruß um Abfallprodukte, die in erster Linie mit Staub, Schmutz und im metaphorischen, also übertragenen Sinne auch mit Vergänglichkeit, Dunkelheit und schließlich mit dem Tod assoziiert werden. Die über 80 Bilder widerlegen diese Negativprädikate auf erstaunliche und beeindruckende Weise, wie ich finde.

Mit der ganz bewusst getroffenen Entscheidung, sich für ihr gemeinsames künstlerisches Projekt vom Einsatz konventioneller Farben zu verabschieden und statt dessen Asche, Kreide, Kohle und Ruß zu verwenden, kehren die vier Künstlerinnen aus kunsthistorischer Perspektive im Grunde zu den Ursprüngen der Kunst zurück, als diese Materialien die Rohstoffe für das bildnerische Gestalten waren. Denken Sie beispielsweise an die 20.000 Jahre alten Höhlenmalereien der Steinzeit – Lascaux in Frankreich wäre hier z. B. zu nennen.

Dennoch, so archaisch manche Bilder in ihrer reduzierten Zeichen- und Chiffrenhaftigkeit auf den ersten Blick wirken, für die vier Künstlerinnen geht es um weit mehr als um einen oberflächlichen Kreativhinweis auf die Anfänge der Kunst. Mir scheint, dass alle vier ganz direkt an die sinnliche Präsenz der verschiedenen Materialien heran möchten und deren tiefe sinnliche Qualität zum Ausdruck bringen wollen. Und das künstlerische Ringen mit diesen Materialien um deren richtige Zusammensetzung, um die richtige Form und um die stimmige Komposition im Bild, das spiegeln die Arbeiten eindrücklich wieder. Denn Asche, Kohle und Ruß lassen sich nicht bequem und vielfältig bunt aus der Farbtube quetschen. Und schnelle, gefällige Ergebnisse auf der Grundlage plakativer, kontrastierender oder gar schreiender Farbakzente lassen sich mit diesen Malmitteln ebenfalls nicht erzielen.

Die Künstlerinnen können mit Alchemistinnen verglichen werden, die den materiellen Stoffen ihr Geheimnis entlocken wollen. Sie experimentieren, suchen, rühren ihr Malelixier selbst an und geben sich nicht voreilig mit einem schnellen Ergebnis zufrieden. Stattdessen öffnen uns ihre Arbeiten den Blick für den Facetten- und Nuancenreichtum der farblich so beschränkt scheinenden Asche, Kreide, Kohle und Ruß. Davon zeugen auch die verschiedenen Materialproben in den Einmachgläsern. Denn Asche ist nicht gleich grau; Kohle und Ruß ist nicht gleich schwarz. Diese Materialien haben durchaus verschiedene Farbklänge. Sie sind bloß nicht bunt. Und deshalb leben die Bilder von den leisen Zwischentönen von den zarten Übergängen von Weiß zu Grau und von Grau über Braun zu Schwarz bei gleichzeitiger Transparenz unzähliger Materialschichtungen, die dem Bild Tiefe verleihen. Nur vereinzelt werden auf der Bildoberfläche kontrastierende Akzente zum Beispiel mit der tiefen Schwärze von Kohlestaub gesetzt. Absolut faszinierend ist das besondere Phänomen grüner Asche, die manchen Bildern eine ganz besondere farbige Aura verleiht.

Da es sich bei den Werken um keine Malerei im konventionellen Sinne handelt, sondern um Materialbilder, erhalten die Arbeiten neben der optischen auch eine haptische Qualität. Denn das Bild wird von seiner zweidimensionalen Beschränktheit befreit und gewinnt durch eine reliefartige Oberflächenstruktur eine dreidimensionale Komponente. Durch das vielfache Übereinanderschichten der verschiedenen Materialien, die wiederum stellenweise abgekratzt werden, und durch das Zusammenspiel mit der besonderen Stofflichkeit der Materialträger wie Holz, Pappe oder Büttenpapier entstehen fremdartige aber reizvolle Miniaturlandschaften aus Farbflächen, Materialerhebungen und -absenkungen, Gruben, Gräben und Kanäle. Zum Teil gewinnt man den Eindruck die Bilder würden pflanzliche Fossilien in sich bergen.

Die vier Künstlerinnen verbindet sicherlich die gemeinsame Faszination für das Stoffliche und die Experimentierfreude sowie die kreative Lust, die Stoffe künstlerisch zu erkunden. Gleichzeitig besitzt jede von ihnen natürlich eine eigene Handschrift, und vor allem fühlte sich jede von der gemeinsamen künstlerischen Aufgabe ganz individuell herausgefordert.

So fiel es Silvia Braun ganz besonders schwer, sich konsequent von der Farbe zu verabschieden. Sie suchte deshalb immer wieder nach Möglichkeiten, Farbakzente in ihren Bildern zu platzieren. Und sie war damit nicht allein. Allerdings scheint mir das zeichnerische Moment in ihren Arbeiten am stärksten zum Tragen zu kommen.

Ingrid Ott ist eine Materialfinderin und -erkunderin. Unter anderem verwendet sie als Bild- bzw. Materialträger alte Hölzer von Baustellen, deren Oberflächenstruktur wesentlichen Einfluss auf die gesamte Bildwirkung haben. Nicht selten ist in ihren Arbeiten der Materialauftrag sehr pastos und damit plastisch.

Anne-Bärbel Ottenschläger geht es neben der Bewältigung des Materials vor allem auch um Formgebung. In ihren Arbeiten erscheinen geometrische Figuren wie Ellipsen und Kreise. Zum Teil lässt sie dem Eigenleben des Materials seinen Freiraum, lässt es fließen und kalkuliert geschickt mit dem Zufall.

Gloria Keller ist eine Sammlerin und kann deshalb auf einen großen Fundus an Materialien und Bildträgern zugreifen. Sehr spannend ist der Einsatz von Salz auf ihren Arbeiten, das auskristallisiert und der Bildoberfläche einen ganz besonderen plastischen Reiz verleiht.

In der Presse war zu Recht von vielfältiger Einheit und einheitlicher Vielfalt die Rede. Ich möchte die Charakterisierung des Wesens der Künstlerinnengruppe vierhochvier noch etwas zuspitzen und festhalten:

Einheit durch Vielfalt

Vielen Dank.

 

 

 


Gloria Keller |  Kleinrheinstraße 7 |  72250 Freudenstadt |  Fon: 07441 1653 |  email: gloria_keller@gmx.de